Nachtrag zu Ernst Hirsch 90 von Dietrich Buschbeck

Was ein Schulklassenfoto nicht erzählt

Kurzer Nachtrag zum EHK Juli 2026 / Seite 8  „90 Jahre Ernst Hirsch“

Zum Schulklassenfoto von 1948 im Elbhang-Kurier Juli/Seite 8 sind mir noch ein paar Episoden eingefallen, die sich sozusagen „am Rande“ der Jugendjahre von Ernst Hirsch abgespielt haben und vielleicht noch gelegentlich in seinem (und meinem) Unterbewusstsein  auftauchen.


Unser damaliger Klassenlehrer Rolf Hantzsch war als schwerverwundeter „Fallschirmjäger“ aus dem 2. Weltkrieg heimgekehrt und erzählte uns gelegentlich von seinen prägenden Erinnerungen. U. a. schilderte er seine unauslöschlichen Eindrücke beim ersten Anblick der antiken Reste der Stadt Rom, die er bei einem spontanen Fußmarsch entdecken konnte – wir (Provinzler) hörten ihm offenen Mundes zu. Bei anderer Gelegenheit lud er einige „zuverlässige“ Mitschüler zu sich nach Hause ein, um ihnen die Lektüre von West-Zeitungen und -Illustrierten zu ermöglichen, die er verbotenerweise von seinen häufigen Berlin-Besuchen mitgebracht hatte – ein gewagtes Unternehmen, das glücklicherweise „geheim“ bleiben konnte

(1948/7. Schuljahr). Damals war unsere Klasse noch „bunt gemischt“, allerdings als reine Knabenklasse. Dazu gehörte auch der Sohn Günther des Konfektionshändlers Ludewig. Letzterer hatte sein renommiertes Bekleidungshaus in der Innenstadt bei der Dresdner Bombennacht verloren und wagte erfolgreich einen Neuanfang in der Veranda seines Wohnhauses an der Plattleite nahe der Bergbahnstraße auf dem Weißen Hirsch – auch der Autor dieser Zeilen erwarb dort 1950 seinen (Kunstfaser-)Konfirmandenanzug – noch rechtzeitig, ehe die Familie Ludewig nach dem Westen „übersiedelte“. Gleichfalls übersiedelte der umtriebige und redegewandte Schulkamerad Jürgen Sarrazin (Loschwitzer), der aber später seine Vaterstadt nicht vergaß, bei der Dresdner Bank Karriere machte und nach Jahrzehnten (nach der Wende) wieder auftauchte, um als Banker der Stadt Dresden finanziell unter die Arme zu greifen (das hätte eigentlich einen nachträglichen Eintrag ins „Klassenbuch“ verdient!).

(Nach-)kriegsbedingt kamen auch einige Zuwanderer (Flüchtlinge) zu  uns, die z. B. im einstigen Sudetenland ihre Heimat verloren hatten. Zu ihnen gehörte der bereits als Knabe stimmgewaltige Berthold Schmidt (bei Schulfeiern durfte er solo singen), der zu seinem Glück an der Berglehne (W.H.) eine einstmals vermögende Tante vorfand und später als Konzert- und Opernsänger Karriere machte. Eine zeitgeschichtliche und nachdenkenswerte Besonderheit war der zwei Jahre ältere Klassenkamerad Heinz Joachim Aris (bereits 1934 geboren), dem als „Halbjuden“ von den Nazis der Schulbesuch verweigert worden war (ebenso seiner Schwester Renate) und der deshalb von seinem jüdischen Vater und seiner „deutschen“ Mutter zu Hause unterrichtet worden war. Der Klassenlehrer konnte diesem Umstand verständnisvoll begegnen (für uns „reinrassige“ Mitschüler war das zuweilen auch gewöhnungsbedürftig). „Die Zeit heilt die Wunden“ würden wir heute erleichtert sagen, denn Heinz Joachim Aris konnte später an der Spitze des Jüdischen Landesverbandes Sachsen das erlittene Unrecht benennen und beantworten. Insofern war es vertretbar, dass wir bereits damals (1949) unser  neben  dem Schulhaus gelegenes separates Klassenzimmer mit folgendem Türschild versahen: Collegium Logicum – ein Teil der Klasse durfte immerhin an einem fakultativ eingerichteten Lateinunterricht teilnehmen. Unsere Klasse sammelte also – gemeinsam mit Ernst Hirsch – Erfahrungen, die bis heute nachwirken (vielleicht auch in diesen paar Zeilen). Da war das „Auge von Dresden“ immer dabei – ihm entging auch in diesen frühen Jahren nichts, und wir durften daran Anteil nehmen. Wahrscheinlich könnten unsere ehemaligen, bereits in die „ewigen Jagdgründe eingegangenen“ Schulkameraden noch von weiteren Episoden erzählen, obwohl der hier zitierte Autor Karl May damals nur „unter der Hand“ zu lesen war. Wir sollten ja zu tüchtigen „Sozialisten“ heranwachsen, wie die damalige Giebelinschrift an der (59.) Schulhausfassade verkündete: „Wir bauen den Sozialismus auf“. Bis zum Mai 1945 hatte dort gestanden „Unsere Liebe heißt Deutschland“ – der Elbhang hat schon so manches erlebt, auch wenn Ernst Hirsch inzwischen jenseits in Kleinzschachwitz zu Hause ist.

Dietrich Buschbeck